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Zu Besuch in der Druckerei…

Letter aus Blei

Immer nur nach vorne blicken? Das kommt für mich nicht in Frage. Tradi­tion und Geschichte sind das Funda­ment, auf dem neue Ideen wachsen.  Ein Blick zurück kann sehr inspi­rie­rend sein. Und deshalb möchte ich von einem Besuch in einer Hamburger Druckerei erzählen:

Schwarze Kunst

Schwarz­künstler”, “Jünger der Schwarzen Kunst” oder “Jünger Guten­bergs” – so nannte man einst die Buch­dru­cker und Schrift­setzer, deren kunst­volles Hand­werk es war, mit schwarzer Druck­farbe Texte und Bilder zu verviel­fäl­tigen. Im 15. Jahr­hun­dert eine revo­lu­tio­näre Erfin­dung von Johannes Guten­berg, die die demo­kra­ti­sche Verbrei­tung von Infor­ma­tionen ermög­lichte. Für unsere Kultur eine der wohl bedeu­tendsten Erfindungen.

Gutenberg Museum Mainz, Kupferstich

Druck­werk­statt um 1740. Kupfer­stich von Boetius nach einem Stich von J.A. Richter. Foto: Guten­berg-Museum, Mainz

Heute, 550 Jahre  nach dem Tode Johannes Guten­bergs, im Zeit­alter der Digi­ta­li­sie­rung, gibt es sicher­lich fort­schritt­li­chere und einfa­chere Print-Methoden. Das mag stimmen. Dennoch sind die Druck­sa­chen, die mit histo­ri­schen Druck­tie­geln entstehen, so beson­ders und einzig­artig in Optik und Haptik, dass sie sich wieder größter Beliebt­heit erfreuen.

Man ist jung, solange man sich für das Schöne begeis­tern kann und nicht zulässt, dass es vom Nütz­li­chen erdrückt wird.” Jean Paul

Ich habe das selber erlebt. Auf der Suche nach einer geeig­neten Druckerei und einem indi­vi­du­ellen Stil für meine Visi­ten­karten, stieß ich auf die “Letter­press-Manu­faktur Hamburg”. Gelegen auf einem histo­ri­schen Indus­trie­ge­lände, auf dem in den 20er Jahren Radio­röhren produ­ziert wurden,  in Hamburg-Langenhorn.

Eingang der Letterpress-Manufaktur Hamburg

Das Beson­dere an dieser Druckerei:

Die “Letter­press-Manu­faktur Hamburg” arbeitet mit histo­ri­schen Druck­ma­schinen und produ­ziert mit Letter­press und beson­deren Präge­dru­cken einzig­ar­tige und sehr indi­vi­du­elle Druck­sa­chen. Visi­ten­karten, Einla­dungen und vieles mehr. Das Beson­dere daran ist das reli­ef­ar­tige Druck­bild. Diese wunder­bare Struktur lässt sich mit modernem Offset-Druck gar nicht erreichen.

Letterpress-Manufaktur Hamburg

Ein Blick in die Werkstatt:

Ich darf dem gelernten Buch­dru­cker Dieter Haeger bei der Arbeit über die Schulter schauen. Routi­niert bedient er den alten schwarzen Druck­tiegel – so nennt man die Druck­ma­schine. 1962 begann er die Lehre zum Buch­dru­cker, nachdem er schon als Kind faszi­niert den kleinen Drucke­rei­be­trieb in der Nach­bar­schaft beob­achtet hatte. Da bereits wurde eine Leiden­schaft für das Hand­werk geweckt, das er bis heute – obwohl er eigent­lich schon sechs Jahre in Rente ist – noch gerne ausübt.

In der Werkstatt der Letterpress-Manufaktur Hamburg

Historischer Buchdruck-Tiegel

Die Maschine  schnurrt unter seiner Leitung. Ein rhyth­mi­scher Klang. Der gute alte Heidel­berger Tiegel aus den 60er Jahren  greift sich eine Visi­ten­karte nach der nächsten  und prägt mit einem eigens dafür ange­fer­tigten Messing­stempel ein Motiv in das kräf­tige Papier. “Hierbei wird mit etwas mehr Druck gear­beitet als beim klas­si­schen Buch­druck, damit die reli­ef­ar­tige Optik entsteht.” , erklärt mir der Fach­mann. Der Maschine bei der Arbeit zuzu­sehen, hat etwas Meditatives.

Bei der Arbeit

Historischer Tiegel

Werkstatt der Letterpress-Manufaktur Hamburg

Liebe­voll und fach­män­nisch hält Dieter Haeger eine der Karten ins Licht – ist der Druck richtig eingestellt?
Der Tiegel arbeitet weiter fleißig vor sich hin, das Schwungrad dreht sich. 2000 Karten pro Stunde, das ist das lang­same Tempo. Wenn es ernst wird, schafft die Druck­ma­schine 5500 Karten pro Stunde – Höchst­ge­schwin­dig­keit! “Diese Maschinen sind unver­wüst­lich, ab und zu mal ein bißchen Öl und sie laufen.”, schwärmt der erfah­rene Buch­dru­cker. Kein Error, keine System­fehler – wie angenehm!

Dieter Haeger und sein junger Kollege Renée Roisch erklären mir, was alles möglich ist mit diesen alten Maschinen: Prägungen, Farb­drucke, Heiß­fo­li­en­prä­gung mit metal­li­schen Effekten, ja sogar Duft­drucke, bei denen die Karten bei Berüh­rung ein Duft­aroma verströmen (da kommen wir dann aber schnell ins Luxussegment…).
Ich bin nicht die Einzige, die diese tradi­tio­nelle Arbeits­weise inter­es­siert. Auf der Suche nach Indi­vi­dua­lität und Einzig­ar­tig­keit rückt dieses alte Hand­werk wieder mehr in den Fokus.

Utensilien

Druckerei der Möglichkeiten

In der oberen Etage der Manu­faktur stehen noch ein paar Relikte aus der guten alten Zeit: unter anderem eine histo­ri­sche Tiegel­presse, Baujahr ca. 1880, F.M. Weiler New York. Mein Kopf­kino springt an – was diese Maschine wohl schon alles erlebt hat?
Natür­lich kann das Team der “Letter­press Manu­faktur” auch mit modernster Technik arbeiten – aber die Begeis­te­rung, wenn es um die alten Maschinen und Methoden geht, spürt man einfach.  Es ist eben möglich, das Bewährte zu pflegen und doch neugierig und offen für Entwick­lungen zu sein. Diese Mischung lässt oft die span­nendsten Ergeb­nisse entstehen.

Historische Drucktiegel

Alles, was hier entsteht, strahlt etwas Beson­deres, ja Einzig­ar­tiges aus. Wie schön!

Übri­gens:
Drucke­reien, die noch mit histo­ri­schen Maschinen arbeiten, gibt es deutsch­land­weit. Mit der Eingabe “Letter­press” findet man online eine Druckerei in seiner Nähe.

Geprägte Visitenkarten

 

Imma­te­ri­elles Kulturerbe

Seit März 2018  sind die künst­le­ri­schen Druck­tech­niken in das Verzeichnis des Imma­te­ri­ellen Kultur­erbes der Deut­schen UNESCO-Kommis­sion aufge­nommen worden.

Druckkunst Museum Leipzig

Foto: Druck­kunst Museum Leipzig

Wer Lust und Inter­esse hat, mehr über diese alten Druck­tech­niken zu erfahren,  kann dies im Guten­berg-Museum in Mainz  oder im Museum für Druck­kunst in Leipzig tun. Das Tolle an dem Museum in Leipzig: die rund 100 funk­tio­nie­renden Maschinen stehen nicht still, sondern führen die Arbeits­pro­zesse prak­tisch vor. Schrift­gießer, Schrift­setzer und Buch­dru­cker weihen Besu­cher in die Geheim­nisse der “Schwarzen Kunst” ein.
In Work­shops (für Erwach­sene und/oder Kinder) können eigene Motive als Radie­rung oder Litho­grafie herge­stellt oder kleine, aus Lettern gesetzte Texte gedruckt werden.
Ein inter­es­santer Einblick in dieses alte, krea­tive Handwerk!

Druckkunst Museum Leipzig

Foto: Druck­kunst Museum Leipzig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare

    • Larissa sagt

      Hallo Pauline, ich freue mich sehr, dass Dir der Artikel gefällt! Vielen Dank für den Link, ich habe schon geschaut – das klingt ja sehr inter­es­sant. Wie schön und wichtig, dass es junge Menschen gibt, die die alten Hand­werks­künste beherr­schen, zu schätzen wissen und auch weiter­geben wollen. Ein tolles, krea­tives Projekt! Ich bin sehr gespannt und werde es weiter­ver­folgen. Viele Grüße! Larissa

  1. Thomas sagt

    Es ist so schön, dass es immer noch Menschen gibt, die sich für alte Maschinen und Methoden inter­es­sieren. Über das reli­ef­ar­tige Druck­bild wusste ich gar nicht. Jetzt träume ich von so einer Grußkarte.

    • Larissa sagt

      Lieber Thomas, ja, das reli­ef­ar­tige Druck­bild ist wirk­lich optisch aber auch haptisch beson­ders. Es ist schon beein­dru­ckend, wie viele span­nende Druck­bilder auch mit den alten, treuen Maschinen zu fertigen sind. Es freut mich, dass es Ihnen gefällt. Ich wünsche Ihnen ein schönes Weih­nachts­fest, viele Grüße! Larissa Wasserziehr

  2. Gert Laufenberg sagt

    Wenn man sich den Weg nach Leipzig sparen möchte, kann man auch in das Museum der Arbeit nach Hamburg-Barmbek kommen.
    Hier wird noch mit Blei­satz gesetzt und auf histo­ri­schen Buch­druck-Maschinen gedruckt.
    Jeden Montag von 18 bis 21 Uhr ist die Offene Werk­statt geöffnet.
    Hier kann der Besu­cher selbst unter Anlei­tung setzen und drucken.
    Auch an allen anderen Tagen kann ich
    das Museum der Arbeit empfehlen.
    (Diens­tags geschlossen. )

    • Larissa sagt

      Oh ja, vielen Dank für diesen tollen Tipp! In der Tat ist das Museum der Arbeit immer ein inter­es­santes Ziel und die ‘Offene Druck­werk­statt’ ein span­nendes Angebot. Wer, wo auch immer, die Möglich­keit hat, einmal eine histo­ri­sche Buch­druck­ma­schine bei der Arbeit zu sehen, oder gar selber zu bedienen, den wird dieses alte Hand­werk viel­leicht ähnlich faszi­nieren wie mich. Es ist ja immer auch ein Eintau­chen in unsere Geschichte…

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